Ein Jahr – ein Land im Ausnahmezustand

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©Simone Perolari/dpa Picture-Alliance/AFP

Seit mehr als einem Jahr lebt Frankreich im Ausnahmezustand.  Der Staat hat mehr als 10’000 Reservisten ein berufen und die Berufsarmee rekrutiert fleissig neue Soldaten. Nach jedem der letzten Attentate wuchs die Zahl der freiwilligen Rekruten. Aber wie lebt es sich denn mit so starker Polizeipräsenz und schwerbewaffneten Militärpatrouillien an jedem Bahnhof und jeder wichtigen Strassenecke?

Es ist Montag und ich bin wieder unterwegs in die Baptistengemeinde im 14. Bezirk von Paris. Unweit vom Bahnhof Montparnasse begleite ich jeden Montagnachmittag 3-5 Stunden lang Menschen in Not. Nach  70minütiger Fahrt komme ich am Nordbahnhof an. Hunderte Menschen drängen sich mit mir aus dem Vorortzug. Die Menschenmenge strömt auf die Treppe, die zu den S-Bahnen führt. Als ich am Gleis ankam , standen bereits mehrere Reihen von Fahrgästen und ein angekommener Zug lies alle aussteigen. Ein bewaffneter Soldat mit seinem Hund sprachen mit etwas unhöflich an: Bleiben sie nicht stehen, Gehen sie weiter, Gehen sie weiter. Dann kommt die Durchsage : Wegen eines unbeaufsichtigten suspekten Paketes im Bahnhof Chatelêt ist der gesamte Verkehr der Linie B vorübergehend stillgelegt. Wir bitten um ihr Verständnis. Chatelêt ist der grösste unterirdische Nahverkehrsknotenpunkt von Paris mit täglich mehreren Millionen Fahrgästen.

Seit den letzten Attentaten liegen die Nerven blank. Die Sicherheitskräfte wirken überlastet und gestresst. Verwaiste Koffer oder suspekte Pakete legen täglich für Stunden U- oder SBahnhöfe lahm.

Kaum einer meckert. Die meisten organisieren sich, wechseln die Bahn. Ich kann die UBahn nehmen. Ja der Terror hat vieles verändert. Vor den Schulen und Gymnasien wird systematisch kontrolliert. Neben Feueralarm gibt es seit diesem Schuljahr ganz neu: Terroralarm. Wie soll man sich verhalten?

Israelische Spezialisten wurden zu Rate gezogen. Ist Frankreich das Israel Europas geworden? So kann man das sicher nicht sagen. Aber es hat sich viel verändert. Man passt mehr auf, was um einen herum passiert, aber das Leben geht weiter. Was soll man auch tun? Man muss wohl zur Zeit mit der ständigen Terrorgefahr leben. Das grosse Frankreich wirkt zermürbt und verblasst. Die alte Grösse scheint verfallen.